Auftritt des Kapitäns: FrontMIND in der Plenary Session des EHA – Neuer Standard in der Erstlinie bei DLBCL (S101)?
Wieder einmal bekommt R-CHOP Verstärkung, aber diesmal gleich von zwei potenten Playern!
Georg Lenz präsentierte die globale Phase-3-Studie frontMIND (899 Patienten), in der Tafasitamab + Lenalidomide + R-CHOP gegenüber R-CHOP allein eine statistisch signifikante Verbesserung des PFS (HR 0,75; 24-Monats-PFS zeigte: 71,1% vs. 62,9%) bei DLBCL-Patienten mit IPI 3-5 bzw. aaIPI 2-3. Der Vorteil für die Kombination mit Tafa-Len war dabei unabhängig von der COO. Die Toxizitäten zeigten sich händelbar, mit insgesamt etwas mehr Grad ≥3 AEs (86,7% vs. 76,1%) und numerisch mehr tödlichen AEs (5,9% vs. 3,8%) unter Tafa-Len-R-CHOP. Ein Vorteil hinsichtlich des Gesamtüberlebens konnte bisher nicht nachgewiesen werden. 50 Jahre nach der Erstpublikation von CHOP (1976) und 25 Jahre nach Einführung von Rituximab (Januar 2002) gibt es jetzt einen zweitenr Standard neben Pola-R-CHOP, der auf sehr ähnliche Weise das EFS verbessert (2 Jahres EFS Delta: 6.4%, HR 0.75 in FRONTMIND, 2 Jahres EFS Delta: 6.5%, HR 0.73). Es bleibt abzuwarten, welches der beiden Schemata sich in Zukunft durchsetzen wird. FRONTMIND ist etwas aufwendiger (wöchentliche Infusionen), und hat den theoretischen Nachteil einer CD19 Vorbehandlung vor potentiellen CAR-T Gaben, die aber nach bisherigen Erfahrungen nicht relevant ist (außer vielleicht für den Medizinischen Dienst). Ob eine Cell of-Origin Analyse in Zukunft die Therapie steuern wird, bleibt abzuwarten. Bei POLARIX waren die Vorteile bei non-GCB-Formen wesentlich deutlicher, bei FRONTMIND profitierten auch GCB-Formen.
ICE-Break statt Hydration-Break beim EHA: Pola-R-ICE vs R-ICE (S237)
Eine IIT-Studie der GLA schaffte es beim diesjährigen EHA in die Nobel Hall. Im Fernsehen hätte man von der besten Sendezeit gesprochen, zu der Bertram Glass die GLA-IIT vorstellen konnte: Pola-R-ICE, eine randomisierte Phase-3-Studie untersuchte im ersten Rezidiv bzw. bei primär refraktären LBCL die Kombination aus Polatuzumab vedotin und dem Klassiker R-ICE vs R-ICE mit anschließender autologer Stammzelltransplantation oder CAR T-Zelltherapie. Die Studie verfehlte zwar den primären Endpunkt (ein verbessertes EFS nach 2 Jahren in der Gesamtpopulation), zeigte aber bei DLBCL-Patienten im Rezidiv oder hoher Tumorlast (bulky disease, hohe LDH) signifikante Vorteile – PFS 52% vs. 42% und OS 77% vs. 61%. Dieses Ergebnis ist auch als Subgruppenanalyse für die Praxis von Relevanz und die Präsentation an prominenter Stelle auf dem EHA durchaus verdient.
Spielen auf hohem NIVEAU: Finale Ergebnisse der B-Zell-Kohorte (EHA - PF993)
In der internationalen akademischen NIVEAU-Studie zeigte Gerhard Held endgültig, dass der zunächst beobachtete OS-Trend unter Nivolumab plus R-GemOx nicht bestätigt werden konnte. Weder PFS, EFS noch OS wurden durch die Hinzunahme von Nivolumab verbessert.
Für die unselektierte, nicht transplantationsfähige LBCL-Population bleibt damit die Botschaft: Checkpoint-Inhibitoren spielen derzeit keine relevante Rolle. Ob einzelne molekular definierte Subgruppen doch profitieren könnten, bleibt offen. Trotz des negativen Ergebnisses liefert diese randomisierte akademische Phase-III-Studie wichtige Daten für die weitere Entwicklung der DLBCL-Therapie.
Gegen zwei unterschiedliche Gegner, ähnliche Ergebnisse: Kein prognostischer Nachteil bei gleichzeitigem indolentem Lymphom (EHA PF997)
In einer gepoolten Analyse mehrerer GLA/DSHNHL-Studien zeigten Dominic Kaddu-Mulindwa, Konstantinos Christofyllakis, German Ott, Bettina Altmann und Kollegen, dass Patienten mit neu diagnostiziertem aggressivem B-Zell-Lymphom und begleitender indolenter Lymphomkomponente unter R-CHOP-basierten Therapien offenbar keine schlechtere Prognose haben. Von 898 auswertbaren Patienten wiesen 117, also 13%, zentralpathologisch eine indolente Komponente auf. Das 5-Jahres-PFS war vergleichbar mit Patienten ohne indolente Komponente, ebenso das 5-Jahres-OS. Auch nach IPI-Adjustierung zeigte sich kein relevanter Unterschied.
Auch wer sich “Large” nennt, muss es mit uns aufnehmen - Auto- und Allo-SCT beim ALCL (A119)
Erfreuliche gute Überlebensdaten zeigte eine EBMT-Analyse von Evgenii Shumilov zu 497 ALK-negativen und 81 ALK-positiven Patienten sowohl nach autologer als auch nach allogener Stammzelltransplantation. Die 3-Jahres PFS and und OS-Raten nach Upfront autologer Stammzelltransplantation lagen bei 68.5% / 75.1%, und 84.1% / 83.5%. Interessanterweise zeigten sich bessere Überlebensraten für ALK-positive Patienten vorwiegend, wenn keine CR vor Transplantation bestand. In CR2+ war das Gesamtüberleben ähnlich gut wie bei autologen Transplantationen in CR1. Auch die allogene Transplantation nach im median 3 Vortherapien zeigte gute Ergebnisse – 3-Jahres-PFS 49.5% vs. 62%; 3-Jahres-OS 59.7% vs. 79% für ALK-negative und und -positive Patienten.
Zum Überbrücken der Halbzeitpause zwei fesselnde Beiträge – Bridging to CAR-T
Zunächst Meldungen aus einer deutschen Analyse:
Ruth Flümann (mit Bastian von Tresckow als Letztautor) präsentierte Daten zu 112 Patient mit r/r LBCL. 67 erhielten ein Bridging mit bispezifischen Antikörpern und 45 kein oder ein konventionelles Bridging. Schwere Zytopenien waren unter bispezifischem Bridging deutlich seltener (3,0 % vs. 17,8 %), während die Raten von CRS und ICANS nach CAR-T vergleichbar waren. Die Ansprechraten lagen sowohl nach dem Bridging (70,1 % vs. 61,1 %) als auch einen Monat nach CAR-T (80,6 % vs. 72,1 %) numerisch höher. Translational zeigte sich unter Glofitamab eine vorübergehende Immunaktivierung ohne Hinweise auf eine terminale Erschöpfung der CAR-T-Zellen. Insgesamt erscheint das bispezifische Bridging damit machbar, sicher und vielversprechend (S241).
Nun aktuelles aus Europa:
Philipp Berning hatte im Rahmen eines groß angelegten GoCART-Projektes Daten zu stolzen 1.134 LBCL-Patienten gesammelt, 79% mit Bridging. Bispezifische Antikörper waren in dieser Analyse ausgeklammert, die Bridging-Modalitäten ließen sich einteilen in Pola-BR, klassische Salvage-Chemo-Regime, Regime mit niedriger Intensität und Radiotherapie. Es zeigte sich, dass eine Verbesserung des Remissionsstatus vor CAR-T (z. B. von PR zu CR) die 3-Jahres-OS fast verdoppelt (63,2% vs. 39,8%), während die Bridging-Modalität selbst weniger eine Rolle für das Überleben spielt (multivariat kein Vorteil für eine der Modalitäten) (OS02-01).
Zwei Stürmer: wer steht in der Startelf? Axi-cel oder Liso-cel? (EBMT LWP1-2)
Ausgezeichnet mit dem Jian-Jian-Luan Award wurde der Vergleich von Axi-cel vs Liso-cel in der Zweitlinie. Anna Ossami Saidy präsentierte Daten von 361 Patienten (32 Liso-cel, 329 Axi-cel). Die Effektivität der beiden Produkte zeigte sich vergleichbar. Offen wurden hierbei die Stolperfallen retrospektiver Registeranalysen sowie die Limitation der geringen Anzahl an mit Liso-cel behandelten Patienten diskutiert.
Blitztor statt Warmlaufen: Schneller Glofitamab-Ramp-up bei r/r LBCL (EHA PF996)
In PF996 untersuchten Celine Liem und Kollegen retrospektiv, ob ein beschleunigtes Glofitamab-Ramp-up bei r/r LBCL sicher und praktikabel ist. Eingeschlossen wurden 83 Patienten aus 11 Zentren in Deutschland, Österreich und der Schweiz; 48% waren bereits nach CAR-T behandelt. Die Toxizität erschien günstig: CRS trat bei 47% auf, meist Grad 1; Grad ≥3 CRS oder ICANS wurden nicht beobachtet. Die ORR lag bei 53%, mit 12% CR/CMR und 41% PR; medianes PFS und OS betrugen 6,3 bzw. 21,5 Monate und erschienen numerisch günstiger als in bisherigen Real-World-Analysen und den pivotalen Studien.
Stark auch beim Kopfball - PCNSL: CAR-T vs. Allo-HCT (OS13-04)
CAR-T und Allo-HCT im Duell – beide gut, aber mit unterschiedlichen Trümpfen" Auf dem EBMT stellte Igor Kos Daten zu 70 Patienten mit rezidiviertem/refraktärem PCNSL vor: 47 Patienten hatten eine CAR-T-Therapie erhalten, 23 Patienten eine allogene SZT. Während nach CAR-T die Rezidivrate nach zwei Jahren höher war (66,5% vs 37,4%), fiel die NRM erwartungsgemäß deutlich günstiger aus (6,5% vs 33,7%). Daraus resultiert für beide Modalitäten ein 18-Monats-PFS >25%. Ein wichtiger Punkt ist, dass die beiden Patientenkollektive nicht vollständig vergleichbar waren. In der CAR-T-Kohorte befanden sich mehr Patienten mit aktiver Erkrankung zum Zeitpunkt der Therapie. Zusammenfassend lässt sich ableiten, dass beide Therapien offenbar valide Optionen darstellen, aber: die Stammzelltransplantation braucht bessere Konditionierungen, um die NRM zu senken
Nur Mut auch bei besonders aggressiven Gegnern: CAR-T bei HGBL (S243)
Auch die Ergebnisse von Igor Kos‘ EBMT-Studie, in der DLBCL-NOS (n = 4547), DLBCL/HGBL-MYC/BCL2 (n = 145) und HGBL-NOS (n = 70) verglichen wurden, waren interessant. In der univariaten Analyse zeigten sich keine Unterschiede im PFS oder OS zwischen den Entitäten. Interessant war, dass ein kurzes Intervall von weniger als einem Jahr zwischen Diagnose und CAR-T-Zelltherapie bei DLBCL-NOS und HGBL-NOS mit schlechteren Ergebnissen verbunden war, nicht jedoch beim Double-Hit-Lymphom. Es lässt sich die Hypothese ableiten, dass CAR-T die aggressive Biologie von HGBL möglicherweise ausgleichen kann.
Eine starke Abwehr – Seroprotektion gegen impfpräventable Infektionen nach CAR T-Zelltherapie (S312)
Giulia Magno präsentierte Daten zu Impftitern von 273 Patienten, die BCMA-gerichtete (n=84) oder CD19-gerichtete CAR-T-Zelltherapien (n=189) erhalten hatten – die Quintessenz: Nach BCMA-CAR T-Zelltherapie waren die Antikörpertiter für MMR, VZV, Influenza A und B und RSV zu allen Zeitpunkten niedriger. Für Hepatitis A und B und SARS-CoV-2 ließ sich dies nicht nachweisen. Und: Das Gros der Patienten bleibt nach der CAR T-Zelltherapie (unabhängig vom Target) seropositiv, so das die humorale Immunität erhalten bleibt.
Qualität wird bei dieser Mannschaft großgeschrieben – Lebensqualität unter R-Pola-Glo
Rebecca Wurm-Kuczera zeigte, dass Patienten, die im Rahmen der R-Pola-Glo-Studie behandelt worden waren, auch im Sinne der Lebensqualität profitierten: Der globale QoL wurde unter der Behandlung um über 10 Punkte verbessert und auch der FACT-Lym zeigte eine frühe Verbesserung, mit anhaltend positive Effekt bis in die Follow-up Periode (PS2504).
Anna Ossami-Saidy, Igor Kos, Peter Reimer, Andreas Viardot, Mathias Witzens-Harig
zur Übersicht